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Tagebuch September 2002

So, 08. September 2002
Dieses Wochenende gehörte fast nur dem Aschenputtel-Roman. Ich habe doch nochmal in die Wettbewerbsunterlagen gesehen und festgestellt, dass Einsendeschluss nicht der 31.08. war sondern der 15.09.. Das ändert alles. Jetzt will ich es doch unbedingt versuchen.

Ich habe ihn über alles gestellt und gleich am Samstagmorgen mit Bearbeiten angefangen. Bis Mittag saß ich daran und kam erstaunlich gut voran. Zur Kreativität kann man sich nicht zwingen, aber doch zum Überarbeiten. Darum nahm ich auch immer gerne an Kurzgeschichten-Wettbewerben teil: Sie sind ein konkreter Anlass, konzentriert zu arbeiten und etwas richtig fertig zu machen. Dass das bei Romanen auch so gut klappt, ist eine neue Erfahrung.

Mo, 09. September 2002, morgens
Mein Chef ist aus dem Urlaub zurück und hat gesagt, ich solle mal Überstunden abbauen. Diese Anordnung kommt mir natürlich recht, wo ich ja noch einen Nebenjob habe. Die Zeit läuft mir davon!

Mo, 09. September 2002, kurz vor Mitternacht
Jetzt bin ich ausgeflippt: gleich am Anfang der Arbeitswoche bis halb zwölf nachts am Roman zu tippen! Ich will unbedingt bis Mittwochabend fertig sein, damit der dicke Umschlag am Donnerstag zur Post kann. Jetzt habe ich von meinen handschriftlichen Notizen 60% eingearbeitet und dafür 3 Stunden und 20 Minuten gebraucht. Der Rest müsste morgen zu schaffen sein. Dann kann ich am Mittwoch noch die Details überarbeiten, den Krempel ausdrucken, und dann druckfrisch zur Post!

Das Korrigieren von Tippfehlern und Abtippen meiner handschriftlichen Notizen macht nicht wirklich Spaß. Oft wusste ich nicht mal recht, an welcher Stelle ich gerade war. Habe immer nur Seitenzahl mit Uhrzeit verglichen. Erstaunlich: Ich könnte an einem einzigen Arbeitstag einen ganzen 240-Seiten-Roman von vorne bis hinten überarbeiten. Warum hab ich bisher so viel Zeit für das Ding gebraucht? Mich hat übrigens überrascht, dass es jetzt 240 Seiten sind. Sie haben nämlich die Vorgabe gemacht, dass eine Seite 1800 Anschläge haben soll, was einer normalen Buchseite entspricht. Und so haben sich die 110 Seiten deutlich aufgebläht.

 

Di, 10. September 2002, morgens
Gerade rechtzeitig hat der Stress im Projekt nachgelassen. Heute Nachmittag werde ich noch Gleitzeit nehmen, um meinen Roman fertig zu tippen!

 

Di, 10. September 2002, früher Nachmittag
Heute habe ich wirklich nicht viel gearbeitet. Es fehlt der Zeitdruck im Projekt. Habe stattdessen mit einem Kollegen eine Stunde lang über Philosophie geplaudert und zwischendurch vier kurze Fragen zum Projektplan geklärt. Und nun mache ich Feierabend und ackere den Roman zu Ende durch. In der zweieinhalbstündigen Mittagspause bin ich ganz schön voran gekommen, jetzt fehlt nur noch der Showdown! :-) Außerdem habe ich noch Notizen, was ich noch verbessern wollte, und dann sollte ich nochmal grob drüber lesen. Und dann entscheide ich, ob ich nochmal darüber schlafen oder heute schon alles ausdrucken und morgen zur Post geben will. Zum Beispiel auf dem Weg zur Literaturgruppe. Das wäre sinnig.

Wenn ich nur daran denke, dass sie für den Wettbewerb mit 700 Einsendungen rechnen! 700 Romane! Muss man sich mal auf einem Stapel vorstellen. Da muss ich mir für Anschreiben und Exposé und Verpackung was einfallen lassen. Ich habe heute Morgen meinen Schreibwarenvorrat geräubert. Besonders witzig wäre natürlich ein märchenhafter Aufkleber für die Mappe, aber ich habe nichts Passendes.

 

Circa 19 Uhr:
Ermüdungserscheinungen: Ich habe es die letzten Tage mit dem Schreiben übertrieben. Ich mache schon dusselige Fehler wie z.B. statt "Tabletten" schreibe ich "Tabellen". Au Backe! Ich will gegen Migräne keine Tabellen schlucken! Dafür bin ich jetzt aber auch fertig mit dem Eintippen meiner handschriftlichen Notizen. Für die letzten 25 Seiten habe ich anderthalb Stunden gebraucht, was recht viel ist. Den Schluss hatte ich fast vollständig neu geschrieben. Zum Glück habe ich nicht für alle 250 Seiten so lang gebraucht! Das wären sonst .. *rechen* 15 Stunden gewesen statt 7,5. Es gibt einem ein gutes Gefühl, mit einem Projekt voran zu kommen. Auch wenn ich von den 700 Teilnehmern nicht die Beste sein sollte, hat der Wettbewerb für mich den Sinn, dass ich den Roman fertigstelle. Wenn ich nicht gewinne, schicke ich das Dings einfach noch an andere Verlage. Ich mag ihn sehr gerne, und das Schreiben hat Spaß gemacht. Also sollte auch das Lesen Spaß machen.

 

nachts um halb zwölf:
Jetzt bin ich eigentlich fertig mit dem Roman. Mal abgesehen davon, dass mir gerade auf der Toilette eingefallen ist, dass meine Heldin zwei Mal geheiratet hat. Wie peinlich! Wahrscheinlich erinnere ich mich in einer ruhigen Minute an noch mehr Fehler dieses Kalibers. Darum drucke ich dann besser morgen früh erst und bringe das Werk morgen Nachmittag zur Post. Ich muss mir auch noch einen bürgerlichen Namen für Aschenputtel ausdenken. Momentan heißt sie "Sina" wie "Cinderella", aber das ist zu plump, zumal man zunächst nicht wissen soll, wer Aschenputtel ist. Ich schlafe ein letztes Mal darüber.

Jetzt habe ich das Gefühl, ich kenne jeden Satz auswändig und hasse jeden davon! Überarbeiten ist wirklich ein ätzendes Geschäft.

 

Mi, 11. September 2002, morgens
Was Aschenputtels Namen und den Romantitel angeht, ist mir letzte Nacht beim Einschlafen noch etwas eingefallen, und ich erinnerte mich heute Morgen noch daran. Das passiert selten genug. Aus “Aschenputtel” wird “Aschenpuhlerin”, eine Beleidigung, die in der Geschichte vorkommt, und aus Sina wird Janna. Dann kann ich ja demnächst ausdrucken... Das Exposé muss ich noch überarbeiten. Da mein Zimmerkollege heute Besuch hat, kann ich in Ruhe hier 250 Seiten ausdrucken und eintüten.

 

Mi, 11. September 2002, am späten Abend
Während der Drucker rattert, habe ich eben nachgesehen, was die Mädels im Bücher-Forum zu meinem Exposé schrieben. Das bringt mich gar nicht weiter! Zweimal “interessant” und ein Mal “weiß nicht”. Etwas konkreter könnte es schon sein!

Au weia... Ich hatte schon 50 Seiten ausgedruckt, als ich bemerkte, dass ich vergessen hatte, eine Kapitelübersicht zu erstellen. Was tun? Nochmal  alles neu drucken? Nein! Das Inhaltsverzeichnis kommt auf die letzte Seite und wird dann beim Heften vorne einsortiert. Uff!

Nach Erstellen des Inhaltsverzeichnisses fiel mir noch auf, dass sich die letzte Kapitelüberschrift auf Seite 176 befindet. Die Kapitelunterteilung habe ich erst am Montag erstellt und da habe ich wohl irgendwann den Faden verloren. Wird noch nachgezogen. Es sind ja nur die ersten 50 Seiten gedruckt.

 

18 Uhr
Heute geht wohl nicht mehr die Post ab. Mir ist doch tatsächlich noch der Beruf dazwischen gekommen. Ich habe nach fünf Uhr noch ein paar dringende Aufgaben erledigt, und jetzt ist es sicher schon zu spät für das Postamt. Und mehr als bis Seite 50 habe ich auch noch nicht gedruckt. So richtig typisch wäre jetzt, wenn der Drucker ausfallen würde! Das passiert quasi IMMER, wenn man abends noch etwas Dringendes ausdrucken will. Ich werde wohl morgen früh zur Post gehen. Ich bin nämlich nicht sicher, ob 250 Blatt Papier plus eine Mappe nicht die Gewichtsgrenze für DIN A 4 -Umschläge zu 1,53 € überschreiten.

Je nachdem muss ich morgen sowieso erst noch eine Mappe kaufen, wobei ich mir vorstellen könnte, dass man die in Ravensburg noch bis 20 Uhr bekommt. Ich bin nämlich um 20 Uhr bei der Literaturgruppe dort. Blöderweise trifft sich heute Abend auch die Partei, wo ich auch hingegangen wäre. Aber in der Literaturgruppe habe ich mich wohler gefühlt. Außerdem hoffe ich eher, als Schriftstellerin etwas zu werden, denn als Politikerin Karriere zu machen.

 

19 Uhr
Der Drucker, der Drucker...Hab ich´s nicht geahnt? Der Drucker spinnt. Bis Seite 56 ist er noch gekommen. Jetzt habe ich ihn erst mal ausgeschaltet. Gerade druckt er die Testseite.

 

19:30 Uhr
Das Märchenbuch ist ganz, ganz toll geworden! Ich bin jetzt fertig mit Drucken und Binden. Ich hatte in meinem Schreibwaren-Fundus noch eine Doktorarbeits-Mappe gefunden, in die man 100-300 Seiten klemmen kann. Es sieht wirklich aus wie ein Buch mit Ledereinband! Dazu gibt es noch ein Exposé und eine Kurzbiographie in Klarsichthülle.

Jetzt bleibt nur noch ein Problem bzw. zwei: Ich bekomme das tolle Buch in keinen meiner Umschläge. * stopf*  Da muss ich wohl morgen früh auf der Post noch eine Investition tätigen. Jetzt muss ich aus logistischen Gründen das schwere Ding zunächst nach Ravensburg tragen und nach der Literaturgruppe wieder zurück radeln. Also denne...

 

Später Abend:
Heute Abend hatte ich den Roman, schon gebunden, bei der Literaturgruppe dabei, weil ich direkt vom Büro aus dort hin ging. Ich las das Exposé und einen Ausschnitt vor. Natürlich habe ich auf der ersten Seite, die ich zufällig aufschlug, gleich einen Schreibfehler entdeckt. Diesen Effekt kenne ich schon von der Diplomarbeit und der Dissertation, und darum kann mich das nicht mehr irritieren.

Die Reaktion der Leute aus der Literaturgruppe war nicht so begeistert. Egal, ich schicke es trotzdem ab.

Am liebsten hätte ich das Buch noch einigen Freunden zum Probelesen gegeben, aber dazu war keine Zeit mehr. Das hole ich nach, sobald ich weiß, dass der Roman bei dem Wettbewerb nicht gewonnen hat.

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