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Tagebuch Oktober 2002

Do, 12. September 2002
Poststempel und Kastanien: Erst habe ich heute Morgen verschlafen. Der Roman-Endspurt der letzten Tage kostete mich viel Kraft. Dann ging ich zur Post mit meinem Roman. Die Dame am Schalter erklärte mir, das sei ein Paket und würde bis Montag oder Dienstag beim Verlag sein. Klar, Wien ist ja tiefstes Ausland. Sie meinte, sie könne es schon per Auslandsexpress verschicken, aber es sei sowieso nicht sicher, dass die das dann auch als Express behandeln. Na toll! Ich hoffe nur, bei dem Wettbewerb zählt der Poststempel. Sonst waren die 15,50 € Porto auch noch rausgeworfen. Daraufhin war ich dann fast pleite und stellte fest, dass der Geldautomat immer noch defekt ist, obwohl sie schon am Samstag daran herumrepariert hatten. Ich hatte aber keine Lust, mich nochmal in die Schlange am Postschalter zu stellen und beschloss, dass die mir verbleibenden 10 € eine Weile reichen. Man gönnt sich ja außer Porto sonst nichts.

Den Weg ins Büro legte ich zu Fuß zurück, so dass ich erst um 10 Uhr ankam. Ich hatte ja mein Rad hier gelassen, weil ich gestern Abend das am Bahnhof abgeholt hatte. Unterwegs sammelte ich eine kleine Kastanie auf. Die fallen nämlich schon wieder von den Bäumen. Damit ist jetzt wohl offiziell Herbst.

Was ich mit den 10.000 Euro Gewinn mache? Ich habe ja schon alles, was ich brauche. Vielleicht arbeite ich dann nur noch 80 %, d.h. von Montag bis Donnerstag, und am Freitag schreibe ich von morgens bis abends. Und wenn ich nicht gewinne, strample ich mich weiterhin dafür ab, in der IT-Branche Karriere zu machen.

Aber eines Tages räche ich mich, indem ich ein Buch über die IT-Branche schreibe. Oh, das wird fürchterlich!

 

Mo, 16. September 2002
Ich frage mich mal wieder ernsthaft, wie lange ich so noch weiter arbeiten will! Für meinen Roman über das Arbeiten in der Software-Branche reicht der bisher gesammelte Stoff, sogar für mehrere. Ich habe vier Jahre Berufserfahrung, kenne jetzt das Arbeiten in einer großen Firma und in einer kleinen. Oder wozu geht man nochmal einer Arbeit nach? * grins*

 

Di, 17. September 2002
Wegen dem Wettbewerb habe ich sogar schon per Email eine Empfangsbestätigung bekommen, in der der Titel meines Romans und mein Name stehen. Sie haben also das Päckchen aufgemacht und irgendwie registiert. Das wirkt doch extrem seriös! Sonst bekommt man ja meist nicht einmal Bescheid, ob man gewonnen hat oder nicht.

 

Fr, 20. September 2002
Am liebsten würde ich das alles hinschmeißen und nur noch Romane produzieren. Da hätte ich wenigstens ein klares Projekt mit überschaubarem und abschätzbarem Aufwand. Ich weiß inzwischen, wie schnell ich schreibe. Bloß fehlt mir noch der Kunde.

 

Mi, 09. Oktober 2002
Heute hat es mich gepackt. Mir fiel ein, dass wenn ich im Roman-Wettbewerb nicht gewinne, ich diesem Verlag ja noch mehr anzubieten habe, z.B. die neue Version des Einhorn-Romans und eine Sammlung von Fantasy-Geschichten über die Amazone Lona. Ich könnte sogar aus Märchen, die ich während meiner Doktorarbeit geschrieben habe, eine Märchensammlung erstellen. Man kann ja ruhig auch etwas anbieten, das noch nicht fertig ist, wenn sich Inhalt, Stil und Umfang des Gesamtwerkes abschätzen lassen. Darum habe ich gleich ein Anschreiben gebastelt für die große Versende-Aktion im Januar/ Februar.

 

Do, 17. Oktober 2002
Zur Literaturgruppe kam ich gestern noch rechtzeitig, obwohl ich nach Feierabend noch einkaufen war und unbedingt Speckknödel machen wollte, auf die ich schon so lange Appettit hatte. Ich habe in der Literaturgruppe eine Stelle aus meinem neusten Buch vorgelesen. Ich habe die Einhorn-Geschichte nochmal von vorne angefangen. Es scheint so als müsse ich jeden Roman mehrmals schreiben, bevor er gut wird. Aschenputtel hatte ich auch mehrmals angefangen.

 

14. November 2002
Jetzt habe ich endlich Urlaub, und das ganze drei Wochen lang! Die ersten Tage kam ich nicht recht zum Schreiben, jetzt ziehe ich mich jeden Tag ein paar Stunden zurück. Ich komme voran, wenn auch langsamer als mit “Aschenputtel”. Dort waren es fünf Seiten pro Stunde, jetzt schaffe ich nur zwei. Weil “Das Einhorn” ernsthafter ist? Oder die grobe Linie noch nicht klar ist? Seit einer Stunde etwa läuft es flüssiger, weil sich jetzt die Handlungsstränge geschickt verflechten und ein gemeinsames Bild werden. Ich fange selbst an zu verstehen, was diese Geschichte mir sagen will und kann, und es ist tiefer und bedeutungsvoller und ergeifender als der alte Einhorn-Roman mit seiner naiven Heldin. Nun habe ich Elisabeth als Hauptperson, die bisher versagte, und eben nicht die Welt zu verändern trachtet sondern sich vor der Verantwortung zurück zieht. Sie ist nicht so geltungssüchtig, altklug und egozentrisch wie Aimée. Nein, sie ist erwachsen.

Interessanterweise hat es sich ergeben, dass der erste Spannungshöhepunkt bei Seite 33 liegt, als nach einem Drittel, wenn ich wirklich mit 100 Seiten hin komme, was ich momentan plane. Macht noch etwa 30 Stunden Schreiben... Leider schaffe ich das in der verbliebenen Urlaubswoche nicht mehr, auch wenn ich jetzt flüssiger schreibe, weil mich die Handlung und die Gefühle in ihren Strudel reißen.

 

25. November
Bei uns in der Firma wird eifrig entlassen. Ich habe im Urlaub beschlossen, dass ich das mal aussitze. Und während ich hier eine ruhige Kugel in der Qualitätssicherung schiebe, schreibe ich nebenbei meinen Roman fertig. Ein paar Monate arbeitslos zu sein, schreckt mich sowieso nicht. Dann könnte ich mal in Ruhe schreiben.

 

29. November 2002
Jetzt habe ich Bescheid: Ich bin bei dem Roman-Wettbewerb in der Vorauswahl herausgefallen. Dann kann ich den Aschenputtel-Roman ja wieder in die Hand nehmen. Bisher fehlte mit dazu die Motivation. Mein neuer Zeitplan (Plan B) steht schon lange: Ich werde im Dezember Probeleser suchen und ihnen den Roman schicken. Dann haben sie Lesestoff über die Feiertage. Im Januar überarbeite ich, und im Februar schicke ich ihn großflächig an verschiedene Verlage.

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