| Mo, 4. Juni 2001 Eben sitze ich mit dem Laptop auf dem Sofa, trinke den Rest des Campari Orange, der von meiner Geburtstagsparty gestern übrig geblieben ist, und fange dieses Schreibtagebuch an. Über das Schreiben nachzudenken, ohne meine Gedanken aufzuschreiben, was wäre ich dann für eine Schreiberin? Und vielleicht werde
ich eines Tages nachlesen wollen: Wie habe ich meine Romane entwickelt? Und wie habe ich mich mit ihnen entwickelt? Nicht nur ich schreibe meine Geschichten, sondern sie schreiben auch mich. Nicht nur ich greife in das Leben meiner Personen ein, sondern sie teilen auch mein Leben. Sie sitzen mit mir am Frühstückstisch, sitzen mir beim Radfahren auf dem Lenker und legen sich abends mit mir zu Bett. Das Leben mit meinen Geschichten soll also das Thema dieses Schreibtagebuchs sein. Wie an
jedem Geburtstag und jedes Neujahr will ich ein neues Leben anfangen, und wahrscheinlich muss man es sich hundert Mal vornehmen, damit es wenigstens ein bisschen wahr wird. Ich will mir mehr Zeit und Ruhe zum Schreiben nehmen. Es darf einfach nicht weiterhin so sein, dass diese Tätigkeit, die mein Leben wie ein roter Faden durchzieht, in meinem Alltag lose herunter hängt und ich ihn nur wieder aufnehme, wenn ich zufällig nichts anderes zu tun habe. Nein: Der rote Faden soll in meinem Leben
ein regelmäßiges und festes Strickmuster bilden. Im Übrigen finde ich, dass ich jetzt mit 30 als Schriftstellerin genug gereift bin und bereit dazu, berühmt zu werden. Immerhin schreibe ich seit über 20 Jahren. Als nächstes werde ich hier in meiner Wohnung Notizen auf dem Boden verteilen und mir einen Überblick verschaffen über das was ich in den letzten Jahren geschrieben habe und was ich als nächstes angehe. 10. Juni 2001 nicht abgeschickte Email an die
Leiterin meiner Literaturgruppe, nachdem wir dort das Exposé meines Einhorn-Romans besprochen hatten Hallo X, gerade eben gehe ich mein Exposé nochmal durch und überdenke Eure Einwände in aller Ruhe. Und ich bleibe ganz offen uneinsichtig. Wenn ich doch schreibe, dass die Geschichte von dem Versuch handle, “in einer monarchistisch geprägten Märchenwelt eine Volksherrschaft zu errichten”, warum muss ich mir dann anhören, dass es im Mittelalter keine Wahlen gegeben
habe? Oder dass die Kreuzzüge weit vor der Französischen Revolution stattgefunden haben? Dass der Roman zu viele Handlunggstränge hat, das gebe ich noch zu. Aber nicht, dass mein Exposé die Haupthandlung nicht klar genug heraus streiche. Die meisten Sätze (Ich habe sie gezählt!) handeln wirklich von dem bzw. den Aufständen. Ich habe auch geschrieben, dass die Entwicklung von Aimée nur “damit verwoben” sei. Sie ist einer der Menschen, die unter den politischen Umständen leiden und an
der Gestaltung der Geschichte mitwirken. Nur weil sie die Ich-Erzählerin ist, erscheint sie bedeutsamer als die anderen, fast gleich starken Personen. Yachya könnte die Geschichte genauso erzählen, oder Gottfried. Jedes Mal wäre es eine etwas andere. Ich werde das Exposé überarbeiten und beim nächsten Mal wieder mitbringen. Aber ich werde ganz sicher weder meine Rahmenhandlung herausnehmen noch Personen oder Handlungsstränge streichen. Das alles ist schon viel zu sehr miteinander
verwoben als dass man einfach etwas weglassen könnte. Wie bei einem Seil, wo man eine Faser abschneidet und herauszieht, gibt das ein sichtbares Loch und frei im Raum hängende Faserenden. Ich mache den Roman so fertig, wie er angelegt ist. Und wenn er wirklich Schrott wird, dann lege ich ihn eben so schrottig wie er ist in meine Schublade und lese irgendwann meinen Enkeln daraus vor. Ich arbeite seit 8 Jahren an diesem Roman und habe schon mehrere Male alles umgeworfen und nun endlich die
Form gefunden, in der ich die Geschichte erzählen will. Ich stricke nicht wieder alles um. Wie gesagt, lieber lege ich ihn in die Schublade und wende mich endlich meinen neuen Ideen zu. Ich habe nämlich ein paar wirklich gute, kraftvolle Romane angefangen, die schon vom Ansatz her viel knackiger sind als der Einhorn-Roman. Ich glaube aber nicht, dass mein Roman wirklich so furchtbar ist, wie er Euch scheint. Ihr habt ihn ja nicht einmal gelesen. Ich sehe das Problem hier: Ich habe ein
an sich trockenes Thema (Politik) farbig aufbereitet, aber im Resumée fehlt leider die Farbe. Eben weil ich weiß, dass niemand einen Roman über Demokratie lesen mag, habe ich mir besonders viel Mühe mit der Ausgestaltung, den Bildern, den Personen gegeben. Aber in der Zusammenfassung darf ich ja nicht von der Athmosphäre und den verschiedenen zwischenmenschlichen Begegnungen sprechen, sondern muss mich wieder auf das trockene Haupt-Thema beschränken. Ich soll sogar noch einige Andeutungen auf
die Nebenhandlungen herausnehmen, damit noch klarer ist, welche die Haupthandlung ist und niemand verwirrt wird. So richtig deutlich wird das Dilemma in dem Drei-Satz-Exposé, das ich noch geschrieben habe. Das klingt in etwa so: Es gibt Revolutionen und Hin und Her, und dann haben wir eine andere Regierung. Super. Genau so einen Roman wollte ich nie schreiben. Und um noch eins draufzusetzen: Selbst bei meinen neuen Geschichten, die wirklich witzig, tiefgründig und knackig
sind, wirkt die Zusammenfassung abschreckend, weil jeder meiner Romane eine Message hat. Igitt, sowas! Frustrierte Grüße, Muna Tja, so war der Stand: Ich hatte mein Werk das erste Mal jemandem vorgestellt, und niemand mochte es. Nicht dass ich mich für ein missverstandenes Genie halte, das sich nicht um das Lesevergnügen anderer Leute zu kümmern habe. Ich will ja meine Geschichte anderen erzählen und so erzählen, dass sie Freude daran haben. Aber wenn ein Roman
erstmal acht Jahre alt ist und man ihn immer und immer wieder umgearbeitet hat, man eigentlich aus der
Thematik des Buches und sogar den eigenen Schreibstil von damals herausgewachsen ist, dann ist man es leid, noch ein einziges Mal Hand anzulegen. Hier ist es, ich bin ihm überdrüssig, und ich mache nichts mehr daran. [Anm.: Wir werden viel später noch sehen, was der Hauptgrund für meinen Frust war, aber davon wusste ich in diesem Moment noch nichts. Dieses Schreibtagebuch ist inzwischen, zwei Jahre später, tatsächlich ein Dokument meiner Entwicklung geworden. Ende des auktorialen Einschubs...]
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