| So, 02. Februar 2003 Jetzt bin ich ehrlich erschüttert. Damit endlich Ordnung in meine Notizen und Unterlagen der letzten Jahre komme, nahm ich die drei Kisten Papier, holte alles heraus und sortierte es nach: "Ideen, Recherchen und Fragmente", "fertige Texte", "Texte von
anderen", "Theorie", "Lesungen und Wettbewerbe" sowie "Verlagsinformationen". Meine unfertigen Texte nehmen natürlich zwei Drittel des Volumens ein. Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich auch jede Menge Notizen zum Einhorn-Roman. Die Idee zu diesem Buch, das ich jetzt zur Hälfte geschrieben habe, ist ja schon über 10 Jahre alt! Es gibt sogar eine fast fertige Version, die ich während meiner Dissertation in der Mittagspause und abends am Institut in LaTex
getippt hatte. Die ist aber viel zu sehr ausgeblüht und gewuchert. Niemand mag sie. Meine Literaturgruppe beklagte sich, dass die Geschichte
zu viele Personen, zu viele Handlungsstränge und zu viele Messages habe. Das war kein Wunder, denn ich hatte die Ideen zu mindestens drei Romanen zusammengeschmolzen zu einem inhomogenen Klumpen, weil ich dachte, sonst würde das Buch zu dünn, der Plot zu geradlinig und die Message nicht tiefsinnig genug. Haha, netter Witz! Schließlich habe ich die ursprüngliche Geschichte wieder herausgeschält und ganz neu angefangen. Ich glaube sowieso allmählich, dass man jeden Roman mehrmals beginnen und womöglich sogar mehrmals schreiben müsse. Aber vielleicht bessert sich das auch, sobald ich mehr Übung habe.
Den Roman mehrfach zu schreiben, hat mich nicht erschüttert. Er ist ja deutlich besser geworden dadurch. Mit der alten Geschichte konnte ich mich ohnehin nicht mehr identifizieren, insbesondere nicht mit der Hauptperson. Man entwickelt sich weiter. Darum sollte man einen Roman innerhalb weniger Monate fertigstellen. Richtig erschüttert hat mich aber, wie viel Zeit ich vertat, indem ich meine Phantasie an die Kandare nahm, bis sie fast zerbrach. In allen Lehrbüchern steht, dass man
BEVOR man anfange zu schreiben, erst alles planen müsse, jede einzelne Szene samt Inhalt und Message. Das versuchte ich auch immer wieder, laut meinen Aufzeichnungen fünf ganze Jahre lang alle paar Monate: Ich schrieb Zusammenfassungen, Inhaltsverzeichnisse, plante die ganze Handlung, bis ich die Lust daran verlor. Nach ein paar Monaten hatte ich bessere Ideen und fing neu an. Was für eine Qual! Meine Notizen und Entwürfe sind auf verschiedenstem Papier entstanden, was wunderbar zeigt,
wie mich dieser Roman durch mehrere Lebensphasen begleitete: mit Füller auf Schmierpapier, in Bleistift und Steno, auf französischem Papier mit diesen charakteristischen ovalen Löchern und nicht-karierter Musterung in Blass-Lila. Hier die Chronologie des Horrors: 28.09.1991 schrieb ich den ältesten erhaltenen Romananfang, außerdem eine erste Übersicht über die Szenen, die der Roman enthalten sollte März 1992 plante ich erneut hoffnungsvoll die Szenen
November 1992 machte ich weiter Februar 1993 versuchte ich es erneut und schrieb auch längere Szenenzusammenfassungen Mai und September 1993 nahm ich die Planerei wieder tapfer in Angriff 30.05.1993 schrieb ich einen rührseligen Abschiedsbrief Dianes an ihren Liebsten, am Vorabend ihrer Hinrichtung *schnief* 07.04.1994 noch ein Romananfang 28.01.1995, außerdem März und wieder Juni bis Septemer schrieb ich nicht nur Anfänge sondern auch
weitere Szenen. Damals arbeitete ich an meiner Diplomarbeit, und es blieb Freizeit übrig zum Schreiben. Januar und März 1995 hatte ich auch schon einige Stellen geschrieben, das Schreiben aber zugunsten der unseligen Planerei zurückgestellt; man kann doch nicht einfach drauflos schreiben, wo kämen wir denn da hin??? Januar 1996 war die Winterpause vorbei, und ich plante ganz tapfer gleich mehrere Seiten voll Szenen für ein riesiges Epos.
Februar kam ich bis Teil 7 und plante eine mehrjährige Wanderung für meine Heldin 05.02.1996 und im folgenden Sommer nahm ich das Schreiben wieder auf 1996 brechen die Notizen ab. Da scheine ich dann wirklich mit dem Schreiben angefangen zu haben, und zwar direkt in den Computer. Das klappte ausgezeichnet. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich brauchte, um dieses hunderte von Seiten umfassende Werk zu tippen, aber es ging immerhin voran! Der Ansatz stimmte natürlich
nicht. Die Personen waren unglaubwürdig, die Handlung an den Haaren herbeigezogen, und wie gesagt zu viele Menschen und Handlungsstränge, weil ich mehrere Romane zusammengestrickt hatte. So gesehen war es auch Zeitverschwendung, aber immerhin sammelte ich Schreiberfahrung. Meine Notizen vor 1996 schockieren mich viel mehr. Ich habe meine besten Jahre vertan! Warum empfehlen die Lehrer überhaupt ein solch sinnloses Vorgehen? Wollen sie uns davon abhalten, selbst zu schreiben? Warum sagen
sie uns nicht einfach: "Nimm ein paar sympathische glaubwürdige Personen mit nachvollziehbaren Zielen, eine konfliktgeladene Ausgangsposition, einen ansprechenden Hintergrund, und dann lass sie mal laufen. Der Rest kommt mit der Übung." Nein, das sagen sie nicht, sondern: "Du musst Szene für Szene planen, bevor Du zu schreiben beginnst." Sie wollen unsere Kreativität töten! Mörder! Di, 4. Februar 2003 Ich gebe den Kampf auf! Monatelang habe ich
versucht, mein Schreiben in meinen Tagesablauf zu integrieren und hatte mich darauf versteift, unbedingt zu Hause schreiben zu wollen, wie man sich das eben so vorstellt. Dabei sieht die Realität schon seit Jahren anders aus. Meist schreibe ich am Arbeitsplatz. Das ist schließlich der Ort, wo ich am meisten Zeit verbringe. Die beste Zeit ist zwischen 17 und 18 Uhr, bevor ich zur Nachtschicht durchstarte. Da brauche ich immer eine Pause, eine kleine Realititätsflucht.
Fr, 21. Februar 2003 Das Buch, das ich gerade abgeholt habe auf der Post, das sieht super aus. Wie neu. Mal sehen, wie der Inhalt ist. "Unzähmbares Verlangen", das Titelbild auch entsprechend. Das haben sie mir im Forum empfohlen, als ich fragte, ob es auch Bücher gäbe, in denen eine Frau sich im Beruf durchsetzt. Ich dachte, das baut mich vielleicht auf. Sie empfahlen mir eine ganze Liste, aber laut den Beschreibungen läuft es meist darauf hinaus, dass die Frau mit ihrem Chef
schläft. Toll! In diesem Buch ist das nicht völlig anders, aber immerhin ein bisschen. Die Chefin schläft mit ihrem Geschäftsführer, haha. Naja, mal sehen. Vielleicht habe ich da eine Marktlücke entdeckt und eine Zielgruppe, die niemand bedient: Die berufstätigen Frauen, die noch etwas erreichen wollen. Sa, 22. Februar 2003 "Unzähmbares Verlangen" ist so grauslig wie Titel und Titelbild. Ich mag keine Geschichten mit Menschen, die ständig von ihren Trieben dazu
gedrängt werden, sich in den unmöglichsten Situationen die Kleidung vom Leib zu reißen. Und ich verstehe einfach nicht, wieso diese Frau einem Fremden, der noch dazu ihr beruflicher Konkurrent ist, ihre halbe Lebensgeschichte erzählt. Dieses Genre braucht mehr Realismus. zurück |